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Es gibt Kohl
Ein Ein Gastwirt in der Gatower Heide hat eine oldenburgische Sitte in Berlin etabliert
Felix Zimmermann
Vergangenen Samstag war es wieder so weit. Etwa 30 Leute trafen sich nachmittags um drei vor Klaus Mätschkes Restaurant Waldhütte und zogen durch die Gatower Heide. Mätschke hatte einen Handwagen mit Schnaps und Dosenbier und einem Papierkorb dabei. "Wir sind ja in der Natur", sagte er. Keine Mülleimer im Wald, nur Bäume. Und jede Menge Kreuzungen. Die sind wichtig, weil an jeder Kreuzung Schnaps getrunken wird, wenn Mätschke mit seinen Gästen auf Tour geht.

Klaus Mätschke, Wirt der Waldhütte am Kladower Damm, macht sich um eine regionale Sitte verdient, die es bislang nur im Oldenburgischen gegeben hat. An jedem Wochenende sind massenhaft Freundeskreise, Sportvereine oder Kegelklubs unterwegs. Jeder Teilnehmer hat einen Eierbecher umgebunden, der Schnaps kommt aus dem Handwagen. Man wandert und trinkt und vergnügt sich mit Spielen wie Teebeutelweitwurf. Später gibt es reichlich Grünkohl, Kartoffeln, Kassler, Kochwurst und Pinkel, eine grobe, fleischige Grützwurst. Es ist eine ganz normale Sache, so wie es in Köln der Karneval ist. Nur eben, dass der Kohlfahrt bislang bundesweite Aufmerksamkeit versagt blieb. Über den Karneval berichtet sogar die Tagesschau.

Seitdem Klaus Mätschke Kohlfahrten organisiert, "seit fünf oder sechs Jahren", genau weiß er es nicht mehr, gibt es die Kohlfahrt auch in Berlin. Jedes Wochenende, von Januar bis Anfang März. Die, die bei Mätschke mitmachen, verzichten dafür sogar auf das, was ihnen bisher wichtig war. Hertha und die Grüne Woche zum Beispiel. Mätschke hatte mal einen Koch aus Bremen, "der hat gesagt, ,Mensch, mach’ das doch mal, bei uns ist das sehr verbreitet‘". Seitdem importiert Mätschke jedes Jahr 500 Pinkel- und 500 Kochwürste.

Samstag, 15 Uhr, vor der Waldhütte. Zwei Gruppen haben sich zusammengefunden, der Vergnügungsausschuss des Kleingartenvereins "Hinckeldey" in Charlottenburg und ein lockerer Freundeskreis.

Nach gut zweihundert Metern ist die erste Kreuzung erreicht, jedenfalls ruft das jemand und fordert Schnaps. Mätschke sieht es anders: "Nein, das ist nur ’ne Einbuchtung." Den ersten Schnaps gibt es hundert Meter weiter. Mätschke schenkt ein, die Kohlfahrer halten die Gläschen hin. Es gibt Klaren oder Roten, einige Männer machen sich eine Dose Schultheiss auf. Heidi Hach hat sich einen Edelstahl-Becher mitgebracht. Sie hatte Kakao bestellt. "Ich mach’ mir nichts aus Bier und Schnaps, aber der Klaus hat gesagt: ,Dann will der eine Wasser, der andere Kaffee und du Kakao - das ist zu kompliziert‘ und hat alles gestrichen", sagt sie. Ihr Mann gießt Bier in den Becher, "mein Mund ist ganz trocken". Sie trinkt und sagt: "Brrr, ist das kalt."

Es geht weiter durch den Wald. Für Siegfried Krüger ist es die dritte Tour. "Hier ist Gelegenheit, alle zu sehen und zu sprechen, die so locker den Freundeskreis bilden." So- lange sie alle noch sprechen können, könnte man sagen. Aber das stimmt nicht. "Es artet ja nie so aus. Sie sehen ja, die Frauen sagen schon beim Zweiten: ,Nee, für mich nur’n Kleinen‘", sagt Krüger. In Oldenburg würden nach einigen Kreuzungen die Ersten deutliche Anzeichen fortgeschrittenen Alkoholkonsums zeigen. Hier ist alles ganz gesittet, manchmal hört man nur die Flaschen, wie sie in Mätschkes Handwagen leise aneinander klirren.

Es ist kalt, "es könnte ruhig noch kälter sein", sagt Mätschke, "dann schmeckt der Schnaps besser". Richtig gut ist eine Kohlfahrt, wenn es sehr kalt ist, klarer Himmel, Sonne. Für die Wolken am Himmel kann Mätschke nichts.

Es geht bergab, dem Ziel entgegen. Mätschke wird großzügiger, was die Kreuzungen und damit den Schnapsausschank angeht. Eine Frau aus dem Kleingärtner-Vergnügungsausschuss stimmt ein Lied an, auf die Melodie von "Oh Tannenbaum": "Ein’n hab’n wa schon, ein’n könn’n wa noch, ein’n könn’n wa noch vertragen, und wenn der Vierte dann noch schmeckt, dann wird der Fünfte ausgeleckt, ein’n hab’n wa noch..." Einer der Männer hört Radio über Kopfhörer. "Seid ma’ ruhig", ruft er und jubelt. Eins zu null für Hertha, darauf wird noch einer getrunken. Mätschke bietet Roten an, einer sagt: "Für mich einen Klaren, dann sieht die Leber nicht was kommt." Es ist der Letzte. Nach wenigen Schritten ist die Waldhütte erreicht. Ein kleines Holzhaus. Drinnen ist es warm, das Licht gedämpft, Hirschgeweihe hängen an der Wand, der Weihnachtsschmuck steht noch. Jetzt gibt es Kohl und Pinkel. Es ist still, man hört nur das Klappern der Messer und Gabeln an den Tellern. Mit der Pinkel tun sich manche schwer und essen Schnitzel. Einer sagt: "Der Unterschied zwischen Blutwurst und Pinkel ist größer als ich dachte."

Plötzlich ertönt Musik und eine Stimme. Otto ist da. Der DJ. "Ja, hallo, ich hoffe, Sie hatten einen schönen Abend. Jetzt wird ein bisschen getanzt, die Kalorien müssen auch wieder runter", sagt er. "Wir fangen mal schunkelmäßig an. Die Zillertaler Schürzenjäger mit dem Schneewalzer." Dann haken sich alle unter und schunkeln. Sie tun es, als wüssten sie, dass nach dem Essen genau dieses Lied gespielt wird, so wie es an jeder Kreuzung einen Schnaps gegeben hat. Otto sagt, man müsse immer erst etwas spielen, bei dem sich die Leute anfassen. "Das macht die locker." Nach dem Schneewalzer spielt er "Ein bisschen Aroma" von Roger Witthaker. Otto muss nicht mehr viel sagen, die Tanzfläche ist voll. "Erst sitzen die Leute da, plötzlich tanzen sie. Ich find’ das toll, ich find’ das immer wieder toll", sagt er. Die Kalorien müssen weg.


Aus der Berliner Zeitung vom 1. Februar 2003


Mit freundlicher Genehmigung der Berliner Zeitung.



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